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Mit einem Schuhkarton hat alles angefangen

Wenn ich als kleines Mädchen brav war (und saubere Finger hatte), setzte mich meine Urgroßmutter zur Belohnung auf die Eckbank und brachte mir den Schuhkarton. Ein besonderer Moment, von mir immer freudig herbeigesehnt. Eine harmlose weiße Schachtel, noch mit den Aufkleber der irgendwann einmal gekauften Damenschuhe in Größe 38 darauf, aber sie hatte es in sich. Der Schuhkarton, das war eine Zauberkiste, eine kleine Schachtel mit lauter Fotos aus der Vergangenheit. Von meiner Familie, von Menschen, mit denen ich über einige Ecken verwandt war, aber die ich größtenteils nicht kannte. Schwarz-Weiß-Fotos, teilweise mit leichtem Gelbstich, die ganz alten auf hartem Karton, viele mit den gezackten Rändern, bunt gemischt in ihrer Entstehungszeit. Ein großer Stapel meiner Ahnen. Mehrere Generationen meiner Vorfahren fanden sich in dieser Schachtel. Und ich lauschte den Geschichten, die mir Oma Martha erzählte, völlig fasziniert davon, Menschen zu begegnen, mit denen ich in irgendeiner Form in Verbindung stand, auch wenn sie mir völlig fremd erschienen.


In diesen Moment, da bin ich mir heute sicher, hat sich mein Interesse für Geschichte herausgebildet. Eine Geschichte möchte ich jetzt tiefer erforschen.



Am linken Bildrand dieses Fotos aus dem Schuhkarton lehnt lässig mein Urgroßvater Georg. Ich hatte 10 Jahre meines Lebens die Gelegenheit, ihn zu kennen. Als Kind sah ich nur den stillen, alten Mann, der Wert auf seine Routinen legte. Der schon eine Weile im Ruhestand war und darauf bestand, dass Punkt 12 Uhr zu Mittag gegessen wurde. Und dass wir dabei Nachrichten gehört haben aus dem alten Radio-Apparat, der am Eingang der großen Küche stand. Der sich jeden Morgen mit einem kleinen blauen Spiegel ans Küchenfenster setzte, um sich zu rasieren, weil dort das Licht besser war als im Bad. Er legte sich ordentlich ein Handtuch untergelegt, um keine Haare zu hinterlassen. Meine Uroma war sehr penibel mit der Sauberkeit. Ich habe ihn neugierig beäugt, aber gesprochen haben wir miteinander wenig. Mit mir als Kind konnte er nicht viel anfangen, aber ich habe seine Nähe gesucht. Ich wusste, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft nach Russland gekommen war. Aber darüber hinaus? Ich weiß kaum etwas über meinen Urgroßvater. Dennoch hat er Spuren hinterlassen, nicht nur im Schuhkarton. Er hat einige Jahres meines Lebens mitgeprägt und natürlich noch sehr viel mehr Jahre meiner Mutter, meiner Großmutter und meiner Urgroßmutter. Deshalb gehe ich auf Spurensuche.  


Ich erforsche seine Lebenslinien. Was er gearbeitet hat. Wie er meine Urgroßmutter kennengelernt hat. Ich bin sehr gespannt, was ich noch über ihn bei meinen Recherchen herausfinden werde – ich freue mich darauf, "Opa Schorsch" besser kennen zu lernen!


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