George und Georg – wenn Recherche vom Hütchen zum Stöckchen führ
Ich merke es immer wieder: Historische Recherche gibt mir den Dopamin-Kick. Am spannendsten wird es, wenn sich ein Zusammenhang auftut, der zunächst völlig absurd wirkt. Dann kommt man buchstäblich vom Hütchen zum Stöckchen und biegt irgendwo ab, wo man nie hinwollte.
Eine harmlose Frage
So ging es mir bei meiner Recherche zu Edith Standen. Sie gehörte zu den wenigen Frauen unter den amerikanischen Kunstschutzoffizieren, die nach dem Zweiten Weltkrieg geraubte Kunstwerke aufspürten, sicherten und an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgaben. Die Monuments Men kennt man spätestens seit George Clooneys Film. Ihre Kolleginnen kennt kaum jemand. Das möchte ich mit meiner Biografie über Edith Standen ändern.
Bevor Edith Kunstschutzoffizierin wurde, betreute sie von 1929 bis 1942 die Privatsammlung des amerikanischen Sammlers Joseph Widener auf dem Landsitz Lynnewood Hall in Elkins Park bei Philadelphia. Beim Schreiben dieser Passage stellte ich mir eine ganz banale Frage: Wie spricht man den Namen eigentlich aus, „Widner“ oder „Weidner“? Schnell mal googeln.
Die Titanic und ein vertrauter Name
Natürlich blieb es nicht beim Googeln. Ich lernte: Man sagt „Weidner“. Und ich stieß auf die Familiengeschichte. Josephs Bruder und sein Neffe kamen am 15. April 1912 beim Untergang der Titanic ums Leben.
Der Bruder hieß George Widener.
Da stockte mir kurz der Atem, bevor das Forscherherz wild zu schlagen begann. Mein Urgroßvater hieß Georg Weidner. Geboren am 9. Juni 1912, knapp acht Wochen nach dem Tod von George Widener. Zufall? Vermutlich. Ein bisschen spooky ist es schon.
Zwei Projekte, eine Spur?
Da tauchen zwei Männer mit fast demselben Namen in zwei völlig verschiedenen Forschungsprojekten auf. Das eine ist privat: die Lebensgeschichte von „Opa Schorsch“. Das andere ist ein Buch für einen großen Leserkreis. Und doch kribbelt es.
Denn beim Vater meines Urgroßvaters verliert sich meine genealogische Spur. Über die Wideners dagegen lässt sich viel herausfinden. Ihr Stammbaum reicht zurück bis zum 2. November 1752. An diesem Tag kam Johann Christoph Weidner aus Deutschland in Philadelphia an. Später passte er seinen Namen der englischen Schreibweise an und nannte sich Widener.
Gibt es eine Verbindung zwischen den Wideners und „meinen“ Weidners? Das kann ich heute nicht sagen. Möglich wäre es. Ich habe diese Spur jedenfalls in meine Forschung zu Opa Schorsch aufgenommen.
Was ich daraus mitnehme
Solche Funde sind für mich das Schönste an meiner Arbeit. Sie zeigen, wie eng große Geschichte und Familiengeschichte manchmal beieinanderliegen, und dass sich hinter einer harmlosen Frage eine ganze Welt verbergen kann. Genau diese Neugier bringe ich mit, wenn ich für Familien und Unternehmen Lebensgeschichten recherchiere und aufschreibe.
Haben Sie in Ihrer Familie auch so eine Geschichte, bei der sich die Spur verliert? Erzählen Sie mir davon.
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