top of page

Puppen, die Elektrische und Zeitzeugen - Ein Ausflug in die Vergangenheit

11. Okt.
4 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit war ich wieder auf Schatzsuche. Und was soll ich sagen, ich hab schon wieder einen kleinen Schatz gefunden. Zumindest einer, der mir sehr wertvoll ist.


Zwei kleine Bücher auf einer alten Truhe drapiert. Sonst wäre ich vielleicht an diesem Stand auf dem Flohmarkt vorbeigegangen. Ich war schon seit einer Dreiviertelstunde Gänge rauf und Gänge runter gegangen. Vorbei an Technik-Ständen, quickenden Hunden und Getränkedosen aus Fernost – auf diesem Trödelmarkt gab es wirklich alles. Dazwischen: die echten Schätze. Privatleute, die ihren Trödel loswerden wollen. Gespickt mit ein paar professionellen Händlern, die die Waren aus Haushaltsauflösungen thematisch gebündelt präsentierten: Hier die Teller mit dem Goldrand, dort Gemälde, hier Medaillen und alte Postkarten. Ein Mekka für den Schatzsucher, aber auch manchmal etwas überwältigend. Ich hatte mir schon einige Stände im Detail angeschaut, aber beschlossen: Heute ist nichts für mich dabei.


Und dann sah ich diese beiden Kleinode auf der dunklen Truhe.

Da musste ich direkt zuschlagen. Ich habe das Nesthäkchen gelesen, als ich selbst noch mit Puppen gespielt habe. Und es auch später immer mal wieder hervorgekramt. Es ist ja auch schon eine alte Geschichte: Die Berliner Arzttochter Annemarie Braun steht kurz vor ihrer Einschulung, als die Geschichte etwa 1909 beginnt. Sie spielt am liebsten mit ihren Puppen und wird von den größeren Brüdern geärgert. Ein neugieriges, furchtloses Mädel, mit dem man mitwachsen konnte, denn die Geschichten gehen weiter und zeigen uns “Annemie” dann auch als Backfisch (auch so ein schönes aus der Mode gekommenes Wort). Gleichzeitig kann man auch etwas über die deutsche Geschichte lernen. Denn Nesthäkchen spielt auch im Ersten Weltkrieg. Kohleknappheit, wie die Schüler zum Schnee schippen im bitterkalten Winter eingesetzt werden oder dass der Papa zum Kriegsdienst eingezogen werden. Die Bücher sind auch etwa in dieser Zeit geschrieben, d.h. Else Ury hat also als Zeitzeugin ihre Wahrnehmung dieser Periode beschrieben und gibt damit ein authentisches Bild der Zeit ab.


1983 wurde das Buch als Weihnachtsserie des ZDF umgesetzt. Die Serie endet mit den Geschehnissen des vierten Bands, der größtenteils im 1. Weltkrieg spielt. Aber – das wissen nicht mehr viele – die Geschichte vom Nesthäkchen geht noch weiter. Was sie als Backfisch mit ihren Freundinnen erlebt, wie sie sich durchsetzt, um zum Medizinstudium nach Tübingen zu ziehen. Wie sie dort ihren späteren Mann kennenlernt. Heiratet, Kinder bekommt. Mit diesen Kindern wiederum allerlei Abenteuer erlebt. Mit ihren Enkeln ihre Herausforderungen hat. Bis sie schließlich hochbetagt verstirbt. Man kann die ganze Lebensgeschichte der liebgewonnene Charaktere weiterverfolgen: die Brüder Hans und Klaus, ihre besten Freundinnen Margot, Ilse und Marlene, ihr Mann Rudolf und die drei gemeinsamen Kinder. Es geht immer weiter.

Das Spannende daran: Nun ist das Schreiben und die Handlung nicht mehr zeitgleich. Else Ury hat die Geschichte 1909 in ihrer Gegenwart beginnen lassen. Auch die Geschehnisse rund um den Ersten Weltkrieg wurden noch zeitnah in Annemaries Geschichte verarbeitet. Doch danach geht es auseinander: Else Ury beschreibt eine Zukunft, die sie nicht kennen konnte. Es klingen noch die Herausforderungen der Weltwirtschaftskrise durch, wenn die junge Familie in der Geschichte finanzielle Sorgen hat. Aber die Bücher, die theoretisch nach 1945 spielen, erwähnen zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg nicht – sie sind ja 1925 geschrieben. Es liest sich dann auch wirklich utopisch und etwas aus der Zeit gefallen, wenn die letzten Episoden in den 1970er Jahren spielen und das Alltagsleben sich auch in technischer Hinsicht kaum geändert hat. So bleibt in gewisser Weise die Zeit stehen, auch wenn die Charaktere sich weiterentwickeln und altern: Werte, Träume, und auch die Rahmenbedingungen bleiben unverändert.



Was in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben darf: Die Geschichte und das Schicksal der Autorin Else Ury. Geboren 1877 in Berlin als “hohe Tochter” hatte sie nach der 10. Klasse die Schule verlassen. Weitere Bildung für Mädchen wurde in dieser Zeit zwar immer möglicher, war aber einfach noch nicht der Standard. Sie beginnt zu schreiben, veröffentlicht 1905 ihr erstes Buch. Im Jahr darauf erschien “Studierte Mädel” und greift ein damals brandaktuelles Thema auf: immer mehr Universitäten ließen auch Studentinnen zu – ein Thema, das sie dann auch im Nesthäkchen wieder aufgreifen wird. Es folgen die 10 Bände der Nesthäkchenreihe, die sie zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Weimarer Zeit machten. Auch für den Verlag war diese Reihe ein immenser Erfolg mit hohen Auflagenzahlen, was dazu führte, dass Else Ury die Inflationszeit gut überstehen konnte. Sie wurde als Autorin zu einer geehrten Persönlichkeit ihrer Zeit.


Aber: Else Ury war jüdisch. Ihre Karriere endete abrupt mit der Machtergreifung. Sie wurde 1935 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam, wenngleich ihre bisherigen Bücher trotzdem weiterhin beliebt waren. Einigen ihrer Geschwister gelang die Ausreise, aber Else blieb in Deutschland. Schikaniert von immer mehr Auflagen, Verboten und Zwangsverkäufen wurde ihr das Leben immer schwerer gemacht. Im Januar 1943 erhielt sie den Deportationsbefehl und wurde nach Auschwitz transportiert, wo sie sofort nach Ankunft in einer Gaskammer ermordet wurde.


Das wusste ich bis vor kurzem nicht. Als nächstes kommt deshalb auf meinen Lesestapel eine der Biographien, verfasst von Marianne Bretzel, um mehr über diese außergewöhnliche Frau zu erfahren.

1 Kommentar


hoseamatt
vor 4 Tagen

nice post

Gefällt mir

Newsletter abonnieren

bottom of page