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Tante Eleonore - Spurensuche im Schuhkarton

vor 5 Stunden
3 Min. Lesezeit

Ich habe bestimmt schon mal vom Schuhkarton erzählt. Die schlichte weiße Schachtel, in der schon meine Urgroßmutter ihre Fotos aufbewahrte. Bilder aus unterschiedlichsten Zeiten, oft mit dem gezackten Rand, die meisten Schwarz-Weiß, einige noch Sepia-Farben, ein paar wenige schon in Farbe. Sie reichen zeitlich von der vorletzten Jahrhundert-Wende bis in die 1990er Jahre. Auf einer Handvoll davon bin ich zu sehen, einige zeigen die Generation meiner Eltern, so dass ich viele Personen darauf wiedererkenne. Aber die meisten Menschen habe ich nie getroffen - sie sind lange vor meiner Geburt gestorben.


Manchmal sind es nur einzelne Fotos einer Person in der Kiste - leider lassen sich die Menschen nicht immer zuordnen (darüber hatte ich neulich schon mal im Podcast gesprochen), denn nicht immer sind die Fotos beschriftet. Und manchmal entdeckt man Gesichter auf verschiedenen Bildern immer wieder. Dann drängt sich der Gedanke auf, dass diese Person wichtig war.


Eines dieser Gesichter hat mich besonders interessiert. Denn die Fotos passten irgendwie nicht zu den anderen. Es war eine Frau mittleren Alters, manchmal in in einer Krankenschwester-Tracht mit Häubchen, manchmal im schlichten Sommerkleid. Die Häuser im Hintergrund sahen nicht nach Wiesbaden aus - sie schienen mir “irgendwie amerikanisch”, dabei hätte ich gar nicht sagen können, woran ich das festmachte. Diese Fotos hatten oft eine Bezeichnung. “Tante Eleonore” stand auf der Rückseite.



Ein weiteres Indiz taucht in der Kiste auf: Eine Postkarte mit amerikanischer Schrift:

Amerikanische Postkarten

Ich bin neugierig und frage meine Oma, wer das ist. Habe ich vielleicht doch Verwandte in den Vereinigten Staaten? Es stellt sich heraus, dass dem nicht so ist. “Tante” Eleonore ist mit uns nicht verwandt, spielte aber im Leben meiner Oma mal eine große Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Lebensmittel knapp waren, haben viele Amerikaner sogenannte Care-Pakete geschickt. Zu “Tante Eleonore” kam meine Familie über ihre Freikirche, die mit einer US-amerikanischen Schwesterkirche verbunden war, in der Eleonore aktiv war. Über viele Jahre sandte nun Tante Eleonore Pakete nach Wiesbaden mit lauter leckeren amerikanischen Sachen. Jedes Mal zur großen Freude meiner Oma, die bei Kriegsende gerade mal sechs Jahre alt war. So kamen dann auch persönliche Geburtstagsgrüße aus Amerika bei uns an. Natürlich haben wir uns auch revanchiert. Zu Weihnachten - so erinnert sich Oma - haben sie auch ein Paket mit Wiesbaden-Souvenirs auf den Weg gebracht. Mühsam vom Munde abgespart, und viel zu kaufen gab es noch nicht, aber das ein oder andere Stück Wiesbaden kam so auch nach Monroeville, Indiana, wo Tante Eleonore lebte. Sie war unverheiratet und hatte keine Kinder, daran erinnerte sich meine Oma ebenfalls noch.


Ob sie sich jemals getroffen hatten, frage ich Oma. "Nein, leider nicht", war die Antwort. Viele Jahre gingen Pakete und Briefe hin und her, aber persönlich getroffen haben sie sich nie. Allerdings gab es mal ein Zusammentreffen mit einem Familienmitglied: Ein Neffe war als Soldat in Frankfurt stationiert und fragte an, ob er die deutschen Brieffreunde seiner Tante in der Nachbarstadt Wiesbaden besuchen dürfe. Er würde gerne zusammen mit einem befreundeten Kollegen einen Tagesausflug machen. Meine Oma war da bereits Teenager und sollte diesen jungen Mann vom Bahnhof abholen. Wie sie ihn denn erkennen würde, fragte sie. “Du wirst uns erkennen, mein Freund ist farbig!” Ein immer noch ungewöhnlicher Anblick im Wiesbaden der 1950er Jahren, so fanden die drei sich am Bahnsteig ohne Probleme. Die beiden jungen Soldaten verbrachten eine schöne Zeit mit der Wiesbadener Familie und nahmen - so wie auch meine Oma - viele interessante Erinnerung an diese Begegnung mit. Leider sind die Namen dieser beiden Männer nicht überliefert. Aber vielleicht finde ich sie noch heraus.


Ich liebe es, solche Geschichten auszugraben. Natürlich habe ich gleich mal in Ancestry einen Familienstammbaum angelegt und konnte auch die Familie von Tante Eleonore finden - eine Auswandererfamilie, die im 19. Jahrhundert aus Osnabrück in die Vereinigten Staaten gekommen war. Das erklärt die Verbindung zu Deutschland. Und ich frage mich, ob ich den namenlosen Neffen noch entdecken kann, der in Wiesbaden zu Besuch war - oder seinen Kollegen. Eines der Fotos zeigt Tante Eleonore mit “Louis Mother and Father” - möglicherweise ist das die heiße Spur. Bislang findet Ancestry aber noch keinen Neffen von Eleonore, der Louis hieß. Aber ich gebe nicht auf und verfolge weiter die Spur. Und ich frage mich, ob irgendwo in Amerika heute ein Enkel dieses Soldaten seine Großeltern befragt, warum sie Wiesbaden-Devotionalien besitzen. Mit irgendeinem Menschen auf dieser Welt teile ich eine Geschichte, auch wenn ich ihn gar nicht kenne. Das fasziniert mich.



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