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Eine Kuhwiese, ein Runenstein und meine Wikingerliebe

5. Okt.
7 Min. Lesezeit

Es gibt historische Spuren, die man lange suchen muss. Man stöbert in Archiven, entziffert alte Handschriften, vergleicht Quellen, folgt Namen und Orten durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte und freut sich irgendwann über einen kleinen Fund, der plötzlich eine ganze Geschichte verändert. Und dann gibt es Spuren, über die man geradezu stolpert.


Meine Geschichte mit der Wikingerzeit begann auf einer Kuhwiese in Schweden.


Das war 2004. Ich war für ein Auslandssemester in Stockholm und mein Schwedisch war damals noch ziemlich überschaubar. Ich konnte mich verständigen, ich konnte mich irgendwie durch den Alltag bewegen, aber für ein Studium auf Schwedisch war meine Sprachkompetenz eigentlich noch viel zu klein. Trotzdem hatte ich einen Kurs belegt, der „Bebyggelsehistoria“ hieß – Siedlungs- und Baugeschichte – und zu diesem Kurs gehörten auch Exkursionen. Eine davon führte uns nach Vallentuna, nördlich von Stockholm.


Irgendwann standen wir auf einer Wiese mit Kühen, und unser Professor ging mit der Gruppe mitten durch die Landschaft. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ungefähr verstanden, dass wir uns mit Geschichte beschäftigten, aber was genau wir dort draußen eigentlich suchten, war mir nicht ganz klar. Also tat ich das, was man als Erasmus-Studentin in einem fremden Land vermutlich ziemlich häufig tut: Man geht einfach mit, lächelt freundlich und versucht, aus dem Zusammenhang herauszufinden, was gerade passiert. Dann blieb der Professor vor einem großen Stein stehen. Und plötzlich war da diese Verbindung zwischen Landschaft, Geschichte und Gegenwart, die mich bis heute fasziniert. Denn dieser Stein trug eine Runeninschrift.



Wikinger-Spuren auf der Kuhwiese

Ein Mensch hatte diese Zeichen vor mehr als tausend Jahren in den Stein ritzen lassen. Jemand hatte etwas mitzuteilen gehabt, jemand hatte diesen Stein aufgestellt oder aufstellen lassen, und aus einer vergangenen Welt war auf einmal etwas ganz Konkretes übrig geblieben, das noch immer an seinem Ort stand.


Mitten in der Landschaft.


Ich erinnere mich vor allem an dieses Gefühl des Staunens. Vielleicht war es genau dieser Moment, in dem mich die Wikingerzeit erwischt hat.


So richtig.

Runenstein

Was wir eigentlich sehen, wenn wir „Wikinger“ sagen

Wenn heute von Wikingern die Rede ist, haben die meisten Menschen sofort ein ziemlich klares Bild im Kopf: Männer mit langen Bärten, Schilden und Äxten, Drachenboote, Raubzüge, wilde Krieger und natürlich diese berühmten Hörner auf den Helmen. Diese Hörner sind allerdings ein schönes Beispiel dafür, wie historische Vorstellungen entstehen können, obwohl sie mit der historischen Realität wenig zu tun haben. Für die typische Wikingerzeitdarstellung mit gehörnten Helmen gibt es keine belastbaren archäologischen Belege. Das Bild wurde vor allem durch die Kunst und populäre Kultur des 19. Jahrhunderts geprägt und hat sich anschließend so tief in unserer Vorstellung verankert, dass es heute fast schwerer ist, sich von ihm zu lösen, als es überhaupt erst zu hinterfragen.


Genau an dieser Stelle beginnt für mich historische Spurensuche.


Denn was glauben wir eigentlich zu wissen? Woher kommt dieses Wissen? Welche Quellen stehen dahinter? Was lässt sich tatsächlich belegen, was ist Interpretation und was haben spätere Generationen aus einer vergangenen Zeit gemacht? Auch der Begriff „Wikinger“ selbst lohnt einen genaueren Blick. Die Menschen, die wir heute unter diesem Sammelbegriff zusammenfassen, bildeten keine einheitliche Gesellschaft, die sich selbst einfach als „die Wikinger“ verstand. Im Skandinavien der Wikingerzeit lebten Bauern und Handwerker, Händler und Seefahrer, Herrscher und Krieger, Frauen und Männer mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen. Manche gingen auf Raubzüge, andere handelten über große Entfernungen, wieder andere bewirtschafteten Höfe, gründeten Siedlungen oder blieben ihr ganzes Leben in ihrer Heimat.


Die skandinavische Welt des 8. bis 11. Jahrhunderts war außerdem erstaunlich weit vernetzt. Menschen bewegten sich über große Entfernungen, Waren wurden gehandelt, Ideen und kulturelle Einflüsse wanderten mit den Menschen. Von Skandinavien aus führten Wege über die Nordsee und den Atlantik ebenso wie über die Flüsse Osteuropas bis in Regionen, die heute zu Russland, der Ukraine oder dem Nahen Osten gehören.


Und dann stehen da diese Runensteine. Sie sind für mich eine besonders faszinierende Form historischer Spur, weil sie so unmittelbar wirken. Ein Stein ist ein Gegenstand aus der Landschaft, und gleichzeitig ist er ein bewusst gesetztes Zeichen. Jemand wollte etwas festhalten. Einen Namen, eine Erinnerung, eine Beziehung, einen Besitzanspruch, einen Bericht über einen Verstorbenen oder eine andere Botschaft.

Ausgerechnet eine solche Spur hat mich auf meiner Schwedenreise erwischt.


Eine Landschaft voller Geschichte

Vielleicht liegt genau darin ein Teil meiner anhaltenden Faszination für Schweden.

Geschichte ist dort an vielen Stellen erstaunlich präsent. Runensteine stehen nicht ausschließlich in Museen, sondern gehören teilweise noch immer zur Landschaft. Alte Kirchen, Gräberfelder, Siedlungsspuren und historische Wege erzählen davon, dass die Gegenwart auf vielen vergangenen Schichten aufbaut.

Wer mit einem historischen Blick durch eine Landschaft geht, sieht irgendwann mehr als das, was auf den ersten Blick zu sehen ist.

  • Ein Stein kann zu einer Inschrift werden.

  • Eine Inschrift kann zu einer Person führen.

  • Eine Person kann zu einer Familie führen.

  • Eine Familie kann zu einem Ort führen.


Das ist für mich der eigentliche Reiz von Spurensuche: Man weiß am Anfang oft noch gar nicht, welche Bedeutung eine kleine Beobachtung einmal bekommen wird. Bei mir war es dieser Runenstein. Er war einer dieser Momente, die sich zunächst vielleicht gar nicht so spektakulär anhören, die aber im eigenen Leben eine erstaunliche Reichweite entwickeln können.

Meine Begeisterung für Schweden ist jedenfalls geblieben. Stockholm ist geblieben, die schwedische Geschichte ist geblieben, die Sprache ist geblieben und natürlich auch die Wikingerzeit.

Und irgendwann habe ich sogar versucht, daraus ein Business-Thema zu machen.


Was können wir von den Wikingern für unser Business lernen?

Vor ungefähr zwei Jahren entstand daraus mein Webinar „Nordisk Marketing – Was wir von den Wikingern für unser Business lernen können“. Damals war ich noch als Business-Mentorin unterwegs und habe mich gefragt, welche Eigenschaften und Ideen wir aus der Wikingerzeit für unser modernes Arbeitsleben ableiten könnten. Daraus entstanden fünf Themen: Mut und Abenteuerlust, Authentizität und Klarheit, Gemeinschaft und Zusammenhalt, Nachhaltigkeit und Ausgewogenheit sowie Innovation und Anpassungsfähigkeit.


Ich hatte große Freude an diesem Gedankenexperiment, und wenn ich heute noch einmal in das alte Video hineinschaue, merke ich vor allem eines: wie begeistert ich damals davon war, verschiedene Dinge miteinander zu verbinden.

Geschichte.

Schweden.

Wikinger.

Und unser modernes Leben.


Das ist eigentlich bis heute geblieben.

Nur die Frage hat sich verändert.


Heute interessiert mich weniger, was wir aus einer historischen Epoche als fertige Businessweisheit herausziehen können. Viel spannender finde ich die Frage, wie Menschen damals ihre Welt erlebt haben, unter welchen Bedingungen sie Entscheidungen trafen und welche Vorstellungen wir uns später über sie gemacht haben.


Nehmen wir die Fahrten über das Meer.

Wir wissen, dass Menschen aus Skandinavien mit ihren Schiffen große Entfernungen zurücklegten und dabei Gebiete erreichten, die für ihre Zeit sehr weit entfernt lagen. Wenn ich mir vorstelle, wie sich eine solche Reise angefühlt haben könnte, beginnt für mich die eigentliche Geschichte.

  • Du hast kein Satellitenbild.

  • Keine Wetter-App.

  • Kein GPS.

  • Du kannst nicht einfach nachsehen, was hinter dem Horizont liegt.


Du hast dein Schiff, dein Wissen über Wind und Wasser, deine Erfahrung, deine Beobachtungen und die Menschen, die mit dir unterwegs sind. Und irgendwann musst du entscheiden, ob du weiterfährst.


Natürlich ist das eine moderne Vorstellung, die wir in eine historische Situation hineintragen. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen und zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir uns vorstellen, zu unterscheiden.

Denn genau dort wird Geschichte interessant.


Was bleibt?

Mich beschäftigt bei historischen Themen immer wieder die Frage, was eigentlich von einer vergangenen Zeit in unsere Gegenwart gelangt. Manchmal sind es ganz konkrete Dinge: Gegenstände, Gebäude, Bilder, Schriftstücke oder eben ein Runenstein. Manchmal sind es Geschichten, die über Generationen weitergegeben werden. Und manchmal sind es Bilder, die wir uns selbst von der Vergangenheit gemacht haben und die mit der historischen Realität nur noch teilweise etwas zu tun haben.


Auch unser heutiges Bild von den Wikingern gehört dazu.


Die Wikinger sind längst Teil der Populärkultur geworden, werden in Filmen und Serien dargestellt, tauchen in Museen, Büchern und Computerspielen auf und spielen auch im schwedischen Tourismus eine Rolle. Dabei ist interessant, dass wir über diese moderne Wikingerbegeisterung genauso etwas lernen können wie über die historische Epoche selbst.


Was fasziniert uns an diesen Menschen?

Warum interessiert uns eine Gesellschaft, die mehr als tausend Jahre zurückliegt?

Warum verbinden wir mit ihr Abenteuer, Freiheit, Entdeckungsreisen, Gemeinschaft und ein Leben in enger Verbindung mit der Natur?

Und welche dieser Vorstellungen stammen tatsächlich aus den historischen Quellen, welche sind moderne Interpretationen und welche erzählen vielleicht vor allem etwas über unsere eigene Gegenwart?


Das sind Fragen, denen ich sehr gerne folge.


Und die Spur führt weiter nach Schweden

Vielleicht ist es kein Zufall, dass meine Begeisterung für Schweden über all die Jahre verschiedene Formen angenommen hat.

Ich beschäftige mich weiterhin mit Geschichte und historischen Geschichten, aber Schweden ist längst auch über die Sprache Teil meiner Arbeit geworden. Inzwischen gebe ich Schwedisch-Sprachkurse und beschäftige mich gemeinsam mit meiner Co-Autorin Simone Heydel mit einem Buchprojekt über schwedisch-deutsche „False Friends“ – also Wörter, die in beiden Sprachen ähnlich aussehen oder klingen und trotzdem etwas anderes bedeuten.


Auch dort geht es letztlich um Spurensuche. Ein Wort sieht vertraut aus, und trotzdem stimmt etwas nicht. Man folgt der Spur. Man schaut genauer hin. Man fragt nach der Herkunft, nach der Bedeutung, nach kulturellen Zusammenhängen und danach, warum zwei Sprachen an einer bestimmten Stelle so unterschiedlich abgebogen sind.


Das ist vielleicht die Verbindung, die mir heute viel wichtiger erscheint als jede einzelne Methode oder jedes einzelne Thema: Ich möchte Dingen auf den Grund gehen, Zusammenhänge entdecken und Geschichten sichtbar machen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zu erkennen sind. Meine Spurensuche führt deshalb manchmal in Archive und manchmal auf eine Kuhwiese. Manchmal geht es um Kunstwerke und ihre Herkunft, manchmal um historische Personen, manchmal um einen Ort, ein Familienarchiv oder ein altes Dokument und manchmal eben um ein schwedisches Wort, das einen deutschen Muttersprachler ziemlich elegant in die Irre führen kann.

Und manchmal führt die Spur zurück zu einem alten Video.


Neugierig auf „Nordisk Marketing“?

Wenn du hören möchtest, wie ich vor einigen Jahren noch auf die Wikinger und ihre Verbindung zu unserem modernen Leben geschaut habe, kannst du dir mein damaliges Webinar „Nordisk Marketing – Was wir von den Wikingern für unser Business lernen können“ noch einmal ansehen.

Heute würde ich manches anders erzählen. Aber die Begeisterung für die Verbindung von Geschichte, Gegenwart und den Geschichten dazwischen ist geblieben. Denn genau dafür liebe ich die Spurensuche. Du weißt oft nicht, wohin eine Spur führt, wenn du ihr folgst.

Du musst einfach anfangen.


Bei mir hat diese Spur auf einer Kuhwiese begonnen.

Mit einem Runenstein.


Und irgendwie führt sie bis heute nach Norden.


Lust, selbst auf Spurensuche zu gehen?



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