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Brauchen wir Brauchtum?

  • 6. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Warum ich über Brauchtum sprechen möchte — und warum ich dabei kurz gezögert habe

Als ich erfahren habe, dass ich im Wiesbadener Kulturbeirat die Sparte "Kulturelles Erbe, Brauchtum und Stadtgeschichte" vertreten darf, habe ich mich gefreut. Es ist ein Themenfeld das sehr nah an meiner eigenen Arbeit liegt — die Frage, wie Vergangenheit sichtbar bleibt und welche Geschichten eine Stadt über sich selbst erzählt.


Und dann war da dieses eine Wort.


Brauchtum.


Darüber bin ich gestolpert. Denn mir ist sehr wohl bewusst, dass dieser Begriff heute eine Reaktion auslöst, noch bevor man ihn zu Ende gedacht hat. Für manche klingt er nach Gemeinschaft, nach geteilter Erinnerung, nach dem Gefühl von Verwurzelung. Für andere klingt er nach Rückwärtsgewandtheit. Oder nach einem Begriff, den Rechte gerne für sich beanspruchen. Aber warum beschäftigen wir uns eigentlich mit dem Thema "Brauchtum"?

Was Brauchtum eigentlich bedeutet — und was nicht

Brauchtum bezeichnet überlieferte Formen gemeinschaftlichen Handelns. Dinge, die regelmäßig wiederholt, weitergegeben und mit Bedeutung versehen werden. Feste, Rituale, Gesten, Lieder — Formen die eine Gemeinschaft kennt und teilt. Ob wir einen Maibaumaufstellen oder ein Osterfeuer anzünden, welche Tracht wir zu diesen Festen tragen, was wir dabei essen und trinken, und welche Musik dabei gespielt wird.


Das Wort leitet sich vom althochdeutschen "brûhhan" ab — brauchen, nutzen. Und Tradition kommt vom lateinischen tradere: weitergeben.


Weitergeben. Nicht einfrieren.


Genau das wird häufig verwechselt. Viele stellen sich Brauchtum wie eine Vitrine im Museum vor — etwas Altes, das unverändert bewahrt wird, staubfrei hinter Glas. Aber lebendiges Brauchtum hat sich immer verändert. Weihnachtsbräuche haben sich über Jahrhunderte gewandelt — der Tannenbaum ist keine jahrtausendealte Tradition, er ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Trachten waren nie einheitlich, sie spiegelten immer regionale, soziale und modische Einflüsse. Volksfeste entstanden aus Schichten verschiedener Kulturen und Epochen.

Jede Generation entscheidet neu, was sie weitergibt — und dabei verändert sie es unweigerlich. Ein Brauch, der nicht mehr gelebt wird, ist nur noch Erinnerung. Ein lebendiger Brauch muss sich anpassen. Das ist seine Natur.


Wie Brauchtum politisch wurde

Im 19. Jahrhundert wurde Brauchtum plötzlich sehr wichtig. Nationalbewegungen entdeckten Volkskultur — Lieder wurden gesammelt, Geschichten aufgeschrieben, regionale Besonderheiten dokumentiert. Das hatte positive Seiten: Vieles wäre ohne diese Sammlungsbewegung verloren gegangen.

Aber es hatte auch eine Kehrseite. Mit der Begeisterung für das "Volkstümliche" kam die Versuchung, es zu reinigen. "Ursprüngliche" Traditionen wurden konstruiert — oft war das, was als uralte Überlieferung verkauft wurde, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Und mit der Konstruktion eines "Wir" entstand immer auch die Frage: Wer gehört nicht dazu?

Im 20. Jahrhundert wurde sichtbar, wie gefährlich das werden kann. Begriffe wie Volk, Heimat und Tradition wurden politisch instrumentalisiert — mit katastrophalen Folgen. Diese Geschichte erklärt die Skepsis, die viele Menschen heute gegenüber diesen Begriffen haben. Und es erklärt, warum ich kurz gezögert habe.


Tradition ist kein Gegenpol zur Veränderung

Trotzdem glaube ich nicht, dass die Antwort darauf ist, Geschichte und überlieferte Formen pauschal aufzugeben. Das wäre so, als würde man ein Werkzeug wegwerfen, weil jemand anderes es missbraucht hat.

Tradition ist kein Gegenpol zur Veränderung. Tradition ist Veränderung über Zeit.

Ich kann Traditionen pflegen und trotzdem offen für Neues sein. Ich kann meine Herkunft kennen und gleichzeitig neugierig auf andere Geschichten bleiben. Das eine schließt das andere nicht aus — es setzt es sogar voraus. Wer weiß woher er kommt, kann leichter einschätzen, wohin er gehen will.

Was ich nicht akzeptiere, ist die Vereinnahmung. Der Versuch, Begriffe wie Heimat, Brauchtum oder kulturelles Erbe exklusiv zu besetzen — als gehörten sie nur bestimmten Menschen, nur bestimmten politischen Überzeugungen. Das Gegenteil ist wahr.




Wem gehört kulturelles Erbe?

Das ist vielleicht die wichtigste Frage — und eine, mit der ich mich als Kulturbeirätin konkret beschäftigen werde. Wer entscheidet, was bewahrenswert ist? Nur die Mehrheit? Nur das Alte? Nur das vermeintlich Regionale? Eine Stadt wie Wiesbaden besteht aus vielen Geschichten. Die Geschichte der Kurbäder und der Villen, aber auch die Geschichte der Gastarbeiter, der Vertriebenen, der Menschen die hier angekommen sind und etwas mitgebracht haben. Kulturelles Erbe ist nicht das Erbe der einen Geschichte — es ist das Erbe aller Geschichten, die einen Ort geprägt haben.


Brauchtum als Einladung

Nicht jede Tradition verdient automatisch Bewahrung. Es gibt Bräuche, die ausgrenzend waren — und es wäre falsch, sie unreflektiert weiterzupflegen. Traditionen dürfen hinterfragt werden. Müssen es sogar. Aber Hinterfragen bedeutet nicht Abschaffen. Es bedeutet Verstehen. Einordnen. Entscheiden.


Vielleicht brauchen wir gerade heute einen anderen Umgang mit Brauchtum — einen der Erinnerung ermöglicht ohne auszuschließen. Einen der Herkunft kennt und Zukunft zulässt. Einen der neugierig fragt statt nostalgisch beharrt.


Das jedenfalls ist der Geist in dem ich diese Arbeit angehen möchte.


Was bedeutet Brauchtum für dich?

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