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Original, Kopie, Fälschung

  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Was macht den Wert eines Kunstwerkes aus?


Es war ein ungewöhnlicher Abend. Ein Weingut im Rheinhessischen, laue Sommerluft, Tische und Stühle unter freiem Himmel — und auf der Leinwand eine Welt, die ich so noch nie gesehen hatte. Tausende Maler in einer südchinesischen Stadt, die Tag für Tag van Gogh malen, Monet, Rembrandt, Klimt. Nicht als Übung. Ein bisschen als Hommage. Und vor allem als Beruf, als Industrie, als Lebensunterhalt.


Stanislaw Muchas Dokumentarfilm "Manche mögen es falsch" führt uns nach Dafen — die wohl produktivste Kopiermaschine der Kunstgeschichte. Über zehn Millionen Bilder verlassen jährlich diese Stadt. Ein kleiner van Gogh für 45 Euro. Monets Seerosen für 120. Das Lächeln der Mona Lisa auf Bestellung. Ich durfte kurz vor der Vorführung mit dem Publikum des Essenheimer Kunstvereins über Fälschungen, Kopien und Originale sprechen — und ich merkte schnell: Die Fragen, die dieser Film aufwirft, sind unbequemer als sie zunächst klingen.

Dokumentarfilm-Abend des Essenheimer Kunstvereins im Weingut Wagner: Tanja Bernsau und Alfred Engler im Gespräch
Dokumentarfilm-Abend des Essenheimer Kunstvereins im Weingut Wagner: Tanja Bernsau und Alfred Engler im Gespräch

Was unterscheidet ein Original von einer Kopie — und wann wird eine Kopie zur Fälschung?

Die Antwort ist überraschend einfach — und gleichzeitig überraschend kompliziert.

Das entscheidende Kriterium ist die Absicht. Wer eine Kopie nach Rembrandt anfertigt und sie auch als solche kennzeichnet, handelt vollkommen legitim. Kopien waren jahrhundertelang das wichtigste Lernwerkzeug der Kunstgeschichte. Junge Maler lernten, indem sie die Meister kopierten — im Louvre, in den Uffizien, in den großen Galerien Europas. Wer diese Kopie als sein eigenes Werk ausgibt, zitiert kunsthistorisch, verdichtet, interpretiert. Auch das ist ein anerkanntes künstlerisches Verfahren.


Aber wer "Rembrandt" unten rechts auf seine Kopie schreibt — der lügt. Nicht ästhetisch, sondern rechtlich. Dann ist es Betrug am Käufer, weil das Kunstwerk sich als etwas ausgibt, was es nicht ist. Ein Straftatbestand. Das ist der Moment, in dem aus Kopie eine Fälschung wird.

Was mich dabei immer fasziniert: In Rembrandts eigener Werkstatt haben Schüler und Assistenten Bilder vollendet, die der Meister begann — und Rembrandt selbst hat seinen Namen darunter gesetzt. War das Betrug? Damals war es Brauch. Heute diskutieren wir darüber.


Die Werkstatt als Produktionsstätte

Um Dafen zu verstehen, muss man ein bisschen tiefer in die Geschichte der Kunstproduktion einsteigen. Was wir heute als revolutionäre Einzelleistung eines genialen Künstlers betrachten, war lange Zeit etwas völlig anderes: Handwerk.


In der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts lernten junge Männer ihr Handwerk bei etablierten Meistern in Lehrwerkstätten. Sie begannen als Handlanger — fegten den Boden, rührten Farben an, bereiteten Malgründe vor — und arbeiteten sich über Jahre in die eigentliche Malerei vor. Erst durfte man einen Engel malen, dann einen Hintergrund, dann mehr. Die Zünfte überwachten diese Ausbildung, denn Malerei war zunächst ein Handwerk wie jedes andere.

Leonardo da Vinci lernte bei Andrea del Verrocchio. Michelangelo bei Domenico Ghirlandaio. Rembrandt bei Jacob van Swanenburgh und Pieter Lastman. Diese Lehrzeit prägte den Stil — so sehr, dass es heute manchmal schwer zu unterscheiden ist, ob ein Werk von der Hand des Meisters oder eines Schülers stammt, der dessen Stil so verinnerlicht hatte, dass die Unterschiede minimal wurden.


"Rembrandt": Mann mit dem Goldhelm
"Rembrandt": Mann mit dem Goldhelm

Das Rembrandt Research Project, das von 1968 bis 2014 lief, hat das auf eindrucksvolle Weise demonstriert: Von rund 300 untersuchten Gemälden, die bis dahin als Rembrandts galten, wurden etwa 162 abgeschrieben — als Werkstattarbeiten eingestuft, als Schülerwerke, als Kopien. Der "Mann mit dem Goldhelm" in der Berliner Gemäldegalerie ist das bekannteste Beispiel: eines der berühmtesten Rembrandt-Bilder der Welt, eines das jahrzehntelang als Inbegriff seiner Kunst galt — und heute kein Rembrandt mehr.


Was bleibt dann? Das Bild ist noch dasselbe. Der Pinselauftrag, das Licht, das Impasto — alles unverändert. Der Kunsthistoriker Werner Busch hat es treffend formuliert: "Es gibt Rembrandt-Bilder, die sind rembrandtischer als Rembrandt selbst — wie der Mann mit dem Goldhelm in Berlin. Eben deswegen konnte das Bild so berühmt werden, es war für eine bestimmte Zeit der Inbegriff von Rembrandt, ohne von Rembrandt zu sein."

Und trotzdem verlor es massiv an Wert. Nicht weil sich ein einziger Pinselstrich verändert hatte. Sondern weil ein Name fehlte.


Das Kunstwerk im Zeitalter der Reproduzierbarkeit

An dieser Stelle möchte ich einen Moment bei Walter Benjamin verweilen — denn der Dokumentarfilm tut das auf seine eigene, leise ironische Weise auch.

Benjamin schrieb 1935 seinen berühmten Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Seine Kernthese: Wenn ein Kunstwerk reproduzierbar wird — durch Fotografie, Film, Druck — verliert es seine "Aura". Diese Aura ist das Einmalige, das Hier-und-Jetzt eines Originals, seine Einbettung in Tradition und Geschichte.

Was Mucha in seinem Film zeigt, treibt diese These auf die Spitze — und perforiert sie gleichzeitig. In Dafen wird nicht technisch reproduziert. Dort wird von Hand gemalt, von echten Malern mit echten Pinseln und echter Farbe. Jede Kopie ist in gewissem Sinne ein Original — ein einmaliges Objekt, das von einem Menschen mit handwerklichem Können hergestellt wurde. Und doch fehlt ihr genau das, was Benjamin als Aura beschrieben hat: die Schöpfungsgeschichte, die Urheberschaft, die historische Einbettung.

Die schönste Ironie des Films: Die Kopisten in Dafen haben auch Benjamins Essay reproduziert. Überlebensgroß haben sie die einzelnen Seiten dieses Textes über die Reproduzierbarkeit von Kunst abgemalt. Ob jemand den Witz dabei beabsichtigt hat, weiß ich nicht. Schöner hätte man ihn nicht inszenieren können.


Was macht den Wert eines Gemäldes aus?

Das ist die eigentliche Frage — und Dafen stellt sie unbequem direkt.

Wenn man ein Kunstwerk bewerten will, gibt es Parameter: Maße, Maltechnik, Materialien, Sujet, Bekanntheit des Malers, aktuelle Marktlage. Aber diese Parameter sind nur der Rahmen. Bei einer Auktion kann ein Werk unverkauft bleiben, sich im Schätzwert bewegen oder in schwindelerregende Höhen klettern — je nachdem, wer im Saal sitzt und wie sehr er es haben will. Letztlich entsteht der Wert eines Kunstwerks immer dann, wenn jemand bereit ist, einen Preis dafür zu bezahlen.


Und genau das erklärt Dafen. Wenn niemand die Kopien wollte, würde niemand sie malen. Die Nachfrage existiert — aus ganz unterschiedlichen Gründen. Weil nicht jeder ein Original besitzen kann, aber ein van Gogh an der Wohnzimmerwand trotzdem schön ist. Weil ein Hotellobby-Betreiber ein Bild in Lebensgröße braucht, das kein Gästebudget sprengt. Weil Kunst manchmal weniger um des Originals willen geschätzt wird als um der Bildwirkung willen.


Vincent van Gogh: Sternennacht (1889)
Vincent van Gogh: Sternennacht (1889)

Kann man das verurteilen? Ich finde: kaum. Auch in unserem Kulturkreis ist Kopieren legitim — zu Übungszwecken, zu dekorativen Zwecken, als Hommage. Was uns an Dafen irritiert, ist vielleicht weniger die Kopie als solche, sondern die Fabrikhaftigkeit dahinter. Die Entromantisierung des Künstlermythos. Die Vorstellung, dass ein Genie-Werk per Kilogramm verkauft wird.

Aber war es je so anders? Die Maler der Rembrandt-Werkstatt hätten darüber vielleicht gelächelt.


Ein Abend der Fragen

Ich verlasse solche Abende nie mit fertigen Antworten. Das Weingut im Abendlicht, der Wein, das Gespräch mit dem Publikum vorher — all das hat mir wieder vor Augen geführt, warum ich dieses Thema so liebe.

Kunstgeschichte ist nie nur Kunstgeschichte. Sie stellt Fragen über Wert, Urheberschaft, Originalität und Erinnerung — Fragen, die weit über Museen und Auktionshäuser hinausgehen. Was ist echt? Was verdient Anerkennung? Und wer entscheidet das?

Dafen hat keine Antwort darauf. Aber die Frage, die dieser Film stellt, ist eine gute. Und gute Fragen — die bleiben.


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