Das überpinselte Gesicht — Max Liebermann und die Geschichte unter der Farbe
- 6. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Ein Bild kann lügen. Oder genauer: Ein Bild kann eine spätere Version seiner selbst zeigen, während die ursprüngliche Wahrheit darunter verborgen liegt.
Bei Max Liebermanns „Der zwölfjährige Jesus im Tempel" ist diese Schicht buchstäblich unter der Farbe. Was heute in der Hamburger Kunsthalle hängt — ein blonder Knabe im weißen Gewand, sanft und unschuldig — ist nicht das Bild, das Liebermann 1879 gemalt hat. Es ist das Bild, das er malen musste, damit es endlich als Kunst gesehen wurde.
Der Skandal von 1879
Liebermann zeigte seinen Jesus damals dunkelhaarig, barfüßig, gestikulierend. Einen jüdischen Knaben, so wie er ihn kannte, so wie er ihn sah. Der Aufschrei war enorm. Der Kunstkritiker Friedrich Pecht nannte den Jesusknaben „den hässlichsten, naseweisesten Judenjungen, den man sich denken kann" — die umgebenden Gelehrten „ein Pack der schmierigsten Schacherjuden". Der Fall wurde im bayerischen Landtag debattiert.
Liebermann war erschüttert. Er hatte nicht provozieren wollen. Er hatte gemalt, was er sah. Und wurde dafür angegriffen — nicht für seine Kunst, sondern dafür, wer er war.
„Die misslichen Erfahrungen, die ich bei dieser Gelegenheit zu machen hatte, waren mir so zuwider, dass ich seitdem kein religiöses Bild mehr gemalt habe."
Die Übermalung

Irgendwann — vermutlich vor 1884, das genaue Datum ist nicht bekannt — überarbeitete Liebermann das Gesicht seines Jesusknaben. Dunkel wurde hell. Dunkle Haare wurden blond. Das Gewand wurde länger, die Gesten weicher, kindlicher, unschuldiger.
Die erste Version kennen wir heute nur aus einer einzigen Federzeichnung, die Hans Rosenhagen 1900 abdruckte und die Kunsthistorikerin Katrin Boskamp erstmals wissenschaftlich auswertete. Sie zeigt, was Liebermann einmal gemalt hatte — bevor er es auslöschte.
War es Selbstzensur? Eine Kapitulation vor dem Antisemitismus seiner Zeit? Oder der pragmatische Schritt eines Mannes, der keine weiteren Kämpfe führen wollte, die nichts mit seiner Kunst zu tun hatten?
Liebermann war kein Kämpfer aus Prinzip. Er war Maler. Er wollte malen — nicht Symbol sein, nicht Provokateur, nicht Märtyrer. Und so übermalte er das Gesicht seines Jesusknaben, damit die Leute endlich das Bild sahen und nicht mehr den Juden hinter dem Bild.
Was bleibt
Das Paradoxe daran: Heute, fast 150 Jahre später, ist genau diese Geschichte — die Geschichte der Übermalung — das Interessanteste an dem Werk. Das, was verschwinden sollte, ist zum eigentlichen Inhalt geworden.
Liebermann lebte bis 1935. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war er 85 Jahre alt. Er trat aus allen Ehrenämtern zurück, lebte zurückgezogen in seiner Wohnung. Am Abend des 30. Januar 1933 soll er beim Anblick des Fackelzugs gesagt haben — auf Berlinerisch, wie er nun mal war:
„Ick kann ja nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte."
Seine Frau Martha überlebte ihn. Ihre Geschichte — wie sie versuchte zu fliehen, was dabei aus einem seiner Bilder wurde — erzähle ich in einer der nächsten Folgen.




Kommentare