Der wohl skurrilste Einlagerungsgegenstand im Central Collecting Point Marburg
- 7. Apr.
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Aktualisiert: 9. Apr.
Als im Frühjahr 1945 im hessischen Marburg einer der ersten Central Collecting Points eingerichtet wurde, sammelte sich dort in kurzer Zeit ein konzentriertes Abbild europäischer Kulturgeschichte unter Ausnahmebedingungen. In den Räumen des Marburger Schlosses trafen Gemälde, Skulpturen, Handschriften und Archive aufeinander – Objekte, die zuvor systematisch geraubt, verlagert oder versteckt worden waren. Die Aufgabe der alliierten Kunstschutzoffiziere bestand darin, diese Bestände zu sichern, zu ordnen und perspektivisch ihre Rückgabe vorzubereiten.
Mitten in diese fragile Ordnung hinein gelangten vier Objekte, die sich jeder klassischen Kategorisierung entzogen. Es waren Särge. Schwere Sarkophage, deren Präsenz in einem Depot für Kunst zunächst irritiert und sich erst auf den zweiten Blick erschließt. In ihnen lagen Friedrich der Große, Friedrich Wilhelm I., Paul von Hindenburg und dessen Ehefrau.
Ihr Weg nach Marburg begann in einer Phase, in der sich das nationalsozialistische Regime im Zustand der Auflösung befand. Entscheidungen wurden unter dem Eindruck militärischer Niederlagen und wachsender Kontrollverluste getroffen. Dazu gehörte auch die Verlagerung historisch aufgeladener Grabstätten. Die sterblichen Überreste bedeutender Persönlichkeiten wurden aus ihren ursprünglichen Ruhestätten entfernt und an Orte gebracht, die als sicher galten. Hinter diesen Maßnahmen stand die Vorstellung, dass diese Toten auch im 20. Jahrhundert noch eine politische Funktion erfüllen konnten – als Symbole, als Projektionsflächen, als potenzielle Instrumente in den Händen des Gegners.
Schließlich endeten diese Transporte in einem Salzbergwerk in Thüringen. Dort lagerten bereits Kunstwerke und andere ausgelagerte Bestände. In dieser unterirdischen Umgebung verdichteten sich materielle und symbolische Werte auf eigentümliche Weise. Als amerikanische Truppen das Bergwerk im April 1945 entdeckten, stießen sie auf eine Szenerie, die selbst für erfahrene Beteiligte ungewöhnlich gewesen sein muss: Kunstschätze neben Insignien politischer Macht – und dazwischen die Särge historischer Persönlichkeiten.
Central Collecting-Point-Leiter Walker Hancock
Eine zentrale Rolle in diesem Moment spielte Walker Hancock, ein amerikanischer Bildhauer und Offizier der Monuments, Fine Arts, and Archives Section. Hancock war ursprünglich ausgebildet, um Kunstwerke zu identifizieren, ihren Zustand zu beurteilen und Maßnahmen zu ihrer Sicherung zu organisieren. Seine Arbeit bewegte sich normalerweise im Spannungsfeld zwischen ästhetischem Urteil und logistischer Präzision. Die Begegnung mit den Särgen stellte ihn jedoch vor eine andere Art von Aufgabe.
In seinen Berichten wird deutlich, wie sehr ihn diese Situation beschäftigte. Die Dimensionen der Sarkophage, ihr Gewicht und ihre Materialität waren eine Herausforderung, die sich noch technisch lösen ließ. Schwieriger war der Umgang mit ihrer Bedeutung. Hancock bewegte sich hier nicht mehr ausschließlich als Kunstexperte, sondern in einem Feld, in dem Fragen von Pietät, politischer Symbolik und historischer Verantwortung ineinandergriffen. Die Särge ließen sich nicht einfach als „Fundstücke“ behandeln. Sie verlangten eine andere Form der Aufmerksamkeit.
Trotz dieser Ambivalenz wurden die Sarkophage geborgen und nach Marburg transportiert. Im Central Collecting Point fanden sie einen vorläufigen Aufbewahrungsort – zwischen Kisten, Gemälden und Archivmaterialien. Diese Konstellation wirkt aus heutiger Perspektive beinahe surreal. Kunstwerke, die für ihre ästhetische und kulturelle Bedeutung geschätzt werden, teilten sich den Raum mit menschlichen Überresten, deren Bedeutung aus historischen Zuschreibungen resultierte.
Für die amerikanischen Verantwortlichen entwickelte sich daraus ein komplexes Geflecht von Fragen. Es ging um Zuständigkeiten, um den angemessenen Umgang mit den Toten und um die politische Dimension jeder Entscheidung. Die Särge standen für unterschiedliche Epochen deutscher Geschichte und waren zugleich durch ihre Instrumentalisierung im Nationalsozialismus belastet. Ihr weiterer Verbleib konnte daher kaum losgelöst von aktuellen politischen Überlegungen entschieden werden.
Über einen längeren Zeitraum blieben die Särge in Marburg. Sie wurden verwahrt, bewacht und zugleich zu Gegenstand von Abstimmungen zwischen verschiedenen Stellen. In dieser Phase zeigt sich besonders deutlich, wie sehr sich die Arbeit der Monuments Men über den klassischen Kunstschutz hinaus ausdehnte. Für Hancock und seine Kollegen bedeutete dies, sich in einem Terrain zu bewegen, das weder durch kunsthistorische Methoden noch durch militärische Routinen vollständig zu erfassen war.
Erst im Jahr 1946 wurde eine Entscheidung getroffen. Die sterblichen Überreste wurden in der Elisabethkirche in Marburg beigesetzt. Die Beisetzung erfolgte unter kontrollierten Bedingungen und blieb in ihrer äußeren Form zurückhaltend. Dennoch markierte sie einen Abschluss für einen Prozess, der die Grenzen dessen sichtbar macht, was unter „Kulturgutschutz“ verstanden werden kann.
Operation Bodysnatch
Die Geschichte dieser sogenannten Operation „Bodysnatch“ eröffnet einen Zugang zu einer weniger bekannten Dimension der Nachkriegszeit. Sie macht deutlich, dass sich der Umgang mit Kultur nicht auf Objekte beschränkt, die in Vitrinen oder Depots aufbewahrt werden. Erinnerung, Symbolik und historische Deutung sind untrennbar mit materiellen Hinterlassenschaften verbunden – und manchmal auch mit menschlichen Überresten.
Dass ein Bildhauer wie Walker Hancock sich in dieser Situation wiederfand, ist mehr als eine Randnotiz. Es verweist auf die Verschiebung von Rollen und Verantwortlichkeiten in einer Zeit des Umbruchs. Diejenigen, die gekommen waren, um Kunst zu retten, sahen sich plötzlich mit Fragen konfrontiert, die tiefer in das Gefüge von Geschichte und Erinnerung hineinreichten.
Im Marburger Central Collecting Point begegneten sich für einen kurzen Moment unterschiedliche Ebenen von Vergangenheit auf engstem Raum. Diese Begegnung wirkt bis heute nach, weil sie eine grundlegende Frage berührt: Wie gehen wir mit dem um, was von früheren Zeiten bleibt, wenn es sich nicht eindeutig einordnen lässt – weder als Kunst noch als bloßes historisches Relikt, sondern als etwas, das zwischen beidem steht?




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